Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung holte die Lebenshilfe die Vergangenheit zweier Gründungsmitglieder ein. Sensibilisiert durch die "Singer-Affäre" wendete sich die kritische Öffentlichkeit 1992 zwei Gründern der Lebenshilfe zu, Prof. Werner Villinger (1887-1961) und Prof. Hermann Stutte (1909–1982). 

Auch die Lebenshilfe  formulierte „Unbehagen“ und „kritische Fragen“ zu früheren Arbeiten Stuttes in der NS-Zeit . Stutte hatte als Villingers Mitarbeiter nach dem Krieg in Marburg die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Philipps-Universität Marburg aufgebaut. Beide Wissenschaftler waren während der NS-Herrschaft aktiv in das Programm zur Verhütung erbkranken Nachwuchses eingebunden. 

Während Villingers Zeit als Chefarzt in Bielefeld-Bethel (1934–40) wurden rund 1000 Zwangssterilisationen durchgeführt. Seit 1937 in der NSDAP, wurde Villinger 1940 Ordinarius für Psychiatrie und Nervenheilkunde an der Universität Breslau. Ab 1941 war er „Euthanasie“-Gutachter. Nach dem Krieg setzte Villinger seine Karriere nahtlos fort. 1946 wurde er ordentlicher Professor und Leiter der Nervenklinik der Marburger Philipps-Universität, 1955/56 war er deren Rektor. Kurz nach der Gründung der Lebenshilfe 1958 wurde Villinger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats.

Hermann Stutte war sein Schüler und enger Vertrauter. Bereits seit 1934 hatte er im Rahmen von Erbgesundheitsgerichtsverfahren in Gießen und Tübingen Anträge auf Unfruchtbarmachung gestellt und als Gutachter gearbeitet. In zahlreichen Publikationen zum Thema „Fürsorgezöglinge“ und „Unerziehbarkeit“ hielt Stutte auch nach 1945 an erbbiologischen Erklärungsmodellen für abweichendes Verhalten fest. In einem Text zum 60. Geburtstag seines Chefs Villinger 1947 taucht der Begriff „diagnostische Abartigkeit“ wieder auf, eine Formulierung aus der NS-Rasseforschung. Noch 1958, im Gründungsjahr der Lebenshilfe, forderte Stutte in einer Schrift für „praktisch unerziehbare Jugendliche“ neben „Arbeitstherapie“ und heilpädagogischer Behandlung die „bewahrende Absonderung“.

Die Lebenshilfe stellte sich in den 1990er-Jahren offen der Diskussion um ihre verstorbenen Mitgründer Villinger und Stutte, die in der Bundesrepublik hohe Ehrungen erhalten hatten (u.a. Bundesverdienstkreuz). Obwohl beide in den Aufbaujahren der Lebenshilfe viel geleistet haben, hat sich auf ihr Lebenswerk für immer der Schatten ihrer NS-Vergangenheit gelegt.
 
" ... erst viele Jahre später wurde uns Eltern bekannt,
wie Menschen, die den Eltern nach der Gründung
der Lebenshilfe zur Seite standen,
in der Nazizeit gedacht, gesprochen und geschrieben haben
und was sie getan haben.
Wir waren betroffen und entsetzt ...
Unsere ethischen Grundsätze sind nicht vereinbar
mit dem Denken und Tun der Ärzte während der Nazizeit.

Maren Müller-Erichsen (stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe, 1998)
 
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