Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

"Ich weiß doch selbst, was ich will!"

Selbstbestimmt leben!
Früh erkannte die Lebenshilfe die Bedeutung der Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung. Diese Vorstellung fußt auf ihrem Menschenbild: Alle Menschen, auch solche mit schwerer Behinderung, können selbstbestimmt auf ihr Wohlbefinden Einfluss nehmen.

In ihrem Grundsatzprogramm von 1990 nahm die Lebenshilfe die Selbstbestimmung als Leitidee auf.

1992 hielt sie in ihrer Satzung fest: 
„Die Bundesvereinigung unterstützt Menschen mit geistiger Behinderung bei ihrem Streben nach Eigenständigkeit und Führung eines selbstbestimmten Lebens.“
 
Wegweisend wirkte der Duisburger Kongress (27.9.–10.1994) mit rund 800 Teilnehmern. Unter dem Motto „Ich weiß doch selbst, was ich will!“ hielten sie in der Duisburger Erklärung u.a. folgende Forderungen fest:
 
„Wir wollen Verantwortung übernehmen.
Wir wollen uns auch um schwächere Leute kümmern.
Alle haben das Recht, am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen.
Wir möchten die Wahl haben, in welche Schule wir gehen.
Wir möchten die Wahl haben, wo und wie wir wohnen.
Wir möchten so viel Geld verdienen, wie man zum Leben braucht.
Wir wollen überall dabei sein! Im Sport, in Kneipen, im Urlaub.
Wir möchten über Freundschaft und Partnerschaft selbst entscheiden.“

Der Duisburger Kongress vermittelte eine Aufbruchstimmung und trug auch außerhalb der Lebenshilfe zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen mit Behinderung bei.

Doch können behinderte Menschen viele Bedürfnisse nur mit Beteiligung und Unterstützung anderer Menschen verwirklichen. Je schwerer die Behinderung, desto größer ist der Bedarf an Assistenz. Um weitgehend selbstbestimmt leben zu können, müssen Menschen mit Behinderung ihre eigenen Fähigkeiten und Kräfte erst kennenlernen und entwickeln. Sie erfahren, wer sie sind und was sie können. 

Der Lebenshilfe ging es in den 1990er-Jahren darum, das Bewusstsein von Menschen mit und ohne Behinderung entscheidend zu verändern: Nach dem Leitgedanken der Selbstbestimmung ist Menschsein wesentlich mit der Verwirklichung von Autonomie verbunden. Menschen, auch solche mit schwerer Behinderung, fühlen sich in Gemeinschaften dann wohl, wenn sie ihre Bedürfnisse allein oder mit Unterstützung anderer selbstbestimmt verwirklichen können. Damit ist eine Denkweise überwunden, die noch zwischen „behindert“ und „nicht behindert“ unterscheidet. Das neue Menschenbild geht von der Gleichberechtigung und der Gemeinsamkeit aller Menschen aus.
 
Stichwort: Empowerment

Der Begriff umschreibt einen in den 1990er-Jahren aufgekommenen neuen Denk- und Handlungsansatz in der Arbeit mit behinderten Menschen, der in der Sozialarbeit bereits deutliche Spuren hinterlassen hatte.

Empowerment ist ein Prozess, bei dem Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung, Diskriminierung oder gesellschaftlichen Ausgrenzung ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Dabei werden sie sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst, entwickeln eigene Kräfte und nutzen soziale Ressourcen. Ziel ist, über ihre Lebensumstände selbst zu verfügen und ihr ganzes Potenzial zu entfalten.
 
Bitte lesen Sie dazu auch "Selbstbestimmung - das Thema der 90er Jahre",
einen Beitrag von Prof. Dr. Martin Th. Hahn (pdf - 16.2 KB)

Prof. Dr. Hahn war Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin
und Mitglied des Bundesvorstands der Lebenshilfe von 1992 bis 1997.
 
Vom Betreuer zum Begleiter
Vom Betreuer zum Begleiter (Hähner, Niehoff, Sack, Walther)
Eine Neuorientierung unter dem Paradigma der Selbstbestimmung. 

Seit dem Kongress der Bundesvereinigung Lebenshilfe „Ich weiß doch selbst, was ich will“ 1994 in Duisburg bestimmt die Leitidee der Selbstbestimmung die Diskussion in der Behindertenpädagogik. Die Veränderungen, die sich daraus für die Praxis, für die Rolle der Fachleute ergeben, versucht dieses Buch in beispielhafter Weise aufzuzeigen. Der neue Begriff der „Begleitung“ bezeichnet den neuen Beziehungsalltag zwischen behinderten Menschen und Fachleuten (und löst die Begriffe „Betreuung“ und „Förderung“ ab). In einem dialogischen Prozess werden die Wünsche und Bedürfnisse behinderter Menschen entwickelt und dann die Formen der Hilfestellung ermittelt.   Ein grundlegender geschichtlicher Beitrag von Hähner „Von der Verwahrung über die Förderung zur Selbstbestimmung“ führt in das Thema ein. Beiträge zur Theorie und zu praktischen Handlungsansätzen (auch Empowerment, Persönliche Zukunftsplanung ...) zeigen den Weg zu der neuen Kultur der Begleitung und Unterstützung auf. Eingebunden in das Buch sind Zitate, Interviews und Porträts behinderter Menschen.
 
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