Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Ein Land - eine Lebenshilfe

Eine Lebenshilfe
Es war ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung: Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 leitete nicht nur das Ende der Zweiteilung Europas ein, sondern brachte auch die Behindertenhilfe in der Bundesrepublik und in der DDR zusammen. Genau ein Jahr später, am 9. November 1990, beschlossen 500 Delegierte in Marburg den Zusammenschluss der Bundesvereinigung Lebenshilfe und der Lebenshilfe der DDR.

Schon vor dem Mauerfall hatte es vielfältige Kontakte in die DDR gegeben, z.B. über kirchliche Verbände. 1987 besuchte eine kleine Gruppe der Marburger Bundeszentrale erstmals kirchliche und staatliche Einrichtungen in der DDR. Doch stellten die SED-Verantwortlichen klar, dass sie im „Arbeiter- und Bauernstaat“ keine Elternvereinigung wie die Lebenshilfe wünschten. Wenige Wochen später hatte sie die Geschichte überholt. Nach dem Ende der SED-Herrschaft waren Eltern und Fachleute aus der DDR in Marburg zu Gast und beschlossen die Einrichtung einer eigenen Lebenshilfe, die am 7. April 1990 in Ost-Berlin gegründet wurde.

Mithilfe von Materialsammlungen und einem Beraterkreis unterstützten Fachleute aus dem Westen die sich entwickelnden örtlichen Vereinigungen und die Gründung von Landesverbänden in Ostdeutschland. Bei der Arbeitstagung am 14./15. Dezember 1990 in Magdeburg erörterten die 200 Teilnehmer neben organisatorischen Fragen auch das Menschenbild und die Stellung von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft.

Der Standard der Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung war in der DDR regional sehr unterschiedlich, am besten wohl in der Hauptstadt Berlin. an anderen Orten in der DDR lebten geistig behinderte Menschen noch 1989/90 ohne jede Förderung in menschenunwürdigen Verhältnissen. Die „Lebenshilfe-Zeitung“ berichtete im Juni 1990 von erschütternden Zuständen im Kreispflegeheim in Hilbersdorf: Dort lebten geistig behinderte Kinder „wie Hunde in einem Zwinger“. Gehfähige Menschen waren an ihre Betten angebunden, andere bis zur Bewusstlosigkeit mit Medikamenten ruhig gestellt. Als „Strafe“ drohte ihnen weitere Isolation. Das wenige Personal war nicht oder unzureichend ausgebildet, durch die Arbeitssituation frustriert oder überfordert. Dieses Heim war kein Einzelfall.

Die Lebenshilfe machte in der Öffentlichkeit auf die katastrophale Lage geistig behinderter Menschen in der DDR aufmerksam und organisierte erste Hilfen. Eine ihrer Hauptaktivitäten galt der Enthospitalisierung. Auf sozialpolitischem Gebiet setzte die Lebenshilfe 1990 die Einführung der Schulpflicht für geistig behinderte Kinder in der DDR durch. Bei den Einrichtungen gelang es der Lebenshilfe in Ostdeutschland, in wenigen Jahren ein flächendeckendes Netz der Behindertenhilfe aufzubauen.

Bei der Zusammenführung von Ost und West konnte auch der Westen vom Osten lernen. So gaben integrative Arbeitsplätze und der traditionell hohe Anteil von Krippenangeboten für Kleinkinder Impulse für integrative Ansätze auch im Westen. Deshalb lässt sich der Integrationsprozess der Lebenshilfe in West- und Ostdeutschland auch als „zusammen wachsen“ bezeichnen.

Für ihre gesamtgesellschaftlichen Leistungen wurde die Lebenshilfe mehrfach ausgezeichnet:
  • 2002 erhielt sie von der Bundeszentrale für politische Bildung den „Einheitspreis“, weil es ihr nach 1989 „vorbildlich gelungen ist, ein Netzwerk fachlicher Kooperation und persönlicher Kontakte aufzubauen“.
  • 2004 verlieh das „Bündnis für Demokratie und Toleranz – Gegen Extremismus und Gewalt“ der Lebenshilfe einen Preis für ihr „ideenreiches und wirkungsvolles Beispiel zivilen Engagements“. 
Bitte lesen sie dazu auch "Ein Land - eine Lebenshilfe",

den Beitrag von Dr. Bernhard Conrads (pdf - 23.5 KB)

Dr. Conrads ist seit 1988 Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe
 
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