Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Ethik

Für Aufsehen sorgte 1989 ein geplantes internationales Symposium der Lebenshilfe in Marburg zu „Biotechnik – Ethik – geistige Behinderung“. Nach massiven Protesten wurde es abgesagt. Was war geschehen?

Die Entrüstung von Menschen mit Behinderungen und ihren Interessenverbänden entzündete sich an einem der eingeladenen Wissenschaftler, dem australischen Bio-Ethiker Dr. Peter Singer (*1946). Der Verfechter der sog. praktischen Ethik hatte sich mehrfach für die Tötung behinderter Babys ausgesprochen. Mit der Einladung Singers zu einem Fachkongress werte die Lebenshilfe dessen höchst umstrittene Thesen auf, mahnten die Kritiker.

Die Lebenshilfe führte demgegenüber ins Feld, dass behindertes Leben vor und nach der Geburt weltweit infrage gestellt werde. Deshalb habe sie das Schwerpunktthema gewählt, um das Lebensrecht schwer geschädigter Säuglinge zu verteidigen und auch Protagonisten der Gegenmeinung die Unmenschlichkeit ihrer Meinung vor Augen zu führen.

Doch hatte die Lebenshilfe die Brisanz des Themas offensichtlich unterschätzt. Vor dem Gebäude der Bundeszentrale in Marburg demonstrierten behinderte Menschen u.a. mit dem Slogan „Wir lassen nicht über unser Lebensrecht diskutieren“. Der neue Bundesgeschäftsführer Dr. Bernhard Conrads distanzierte sich für die Bundesvereinigung Lebenshilfe entschieden von den Thesen Singers und stellte klar, dass die Lebenshilfe aktive Sterbehilfe bei Menschen mit Behinderung jeglichen Alters strikt ablehnt.

Ethische Grundaussagen


In den „Ethischen Grundaussagen“ (1990) formulierte die Lebenshilfe, dass Behinderung eine Seinsweise menschlichen Lebens neben anderen ist.

Einen Einschnitt in der jüngeren Diskussion ethischer Fragen innerhalb der Lebenshilfe bildet die Biomedizinkonvention des Europarates (1994). Sie soll Menschenrechte und Menschenwürde auch bei biomedizinischen Forschungseingriffen an einwilligungsunfähigen Menschen, denen ein Großteil der Menschen mit geistiger Behinderung zugerechnet wird, sowie bei der vorgeburtlichen Forschung schützen. Doch die Lebenshilfe und andere Verbände kritisierten, dass das Wohl des Einzelnen zugunsten vager Forschungs- und Therapieziele zurückgesetzt werde. Sie folgten damit dem Einsatz von Robert Antretter, dem späteren Bundesvorsitzender der Lebenshilfe, der als Vorkämpfer gegen die Forschung an einwilligungsunfähigen Menschen die Rechte behinderter Menschen massiv verteidigte.

Die Würde aller Menschen zu schützen, ohne jede Sonderregelung für Menschen mit Behinderung, war auch die zentrale Forderung einer Tagung im Frühjahr 1998 in Kassel, an der Vertreter der Lebenshilfe teilnahmen. Angesichts knapper wirtschaftlicher Ressourcen würden behinderte Menschen zunehmend unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten betrachtet. Mithilfe medizintechnischer Methoden solle der „perfekte Mensch“ geschaffen werden – zu Lasten der Menschen mit Behinderungen. Deshalb sind gerade sie für die Lebenshilfe mehr denn je auf Schutz angewiesen.

Auf dieser Tagung wurde die Keimzelle für das 2002 gegründete „Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft“ gelegt.

Bitte lesen sie dazu auch "Zwischen Wächteramt und Inclusion - Gedanken zur Ethik (in) der Lebenshilfe im Spannungsfeld von Überzeugungen, Interessen und gesellschaftlichen Herausforderungen",

einen Beitrag von Prof. Dr. Therese Neuer-Miebach (pdf - 23.8 KB)

Prof. Dr. Neuer-Miebach war bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe u.a. Referentin für ethische Fragen. Z. Zt. ist sie Professorin an der Fachhochschule Frankfurt im Fachbereich Sozialarbeit und Mitglied des Nationalen Ethikrates.
 
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