Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Reform der Psychiatrie

Reform der Psychiatrie

In der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft lebten in den 1970er-Jahren bis zu 20 000 Menschen mit geistiger Behinderung in psychiatrischen Krankenhäusern in menschenunwürdigen Verhältnissen.

Oft waren sie nicht psychiatrisch behandlungsbedürftig, sondern Opfer von Lücken im Hilfesystem. Es fehlten geeignete Wohn­formen bzw. die Familien oder Wohnstätten kamen mit der Betreuung nicht mehr zurecht.
 

Doch allmählich formierte sich Widerstand und die politisch Verantwortlichen wurden aktiv. Besondere Bedeutung gewann 1975 die Psychiatrie- Enquête des Deutschen Bundestages mit ihren Vorschlägen für die gemeindenahe und bedarfsgerechte Versorgung der Menschen, die bisher in psychiatrischen Krankenhäusern lebten.
 

Als besonders reformbedürftig galten die Langzeitbereiche mit teilweise hohem Anteil geistig behinderter Menschen. Nun war von „Fehlplatzierung“ und „Ausgliederung aus der Psychiatrie“ die Rede. Doch die Reformempfehlungen wurden nur zögerlich umgesetzt. Auf Kritik der Reformer stieß die Praxis, behinderte Menschen aus den Krankenhäusern in Pflegeheime und andere Großeinrichtungen zu „verschieben“.
 

Bei der Lebenshilfe boten die bereits wenige Jahre nach der Gründung eingerichteten ersten Wohnheime eine Alternative zur psychiatrischen Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung. Die regionale Gesamtverantwortung für Menschen mit geistiger Behinderung zu übernehmen, bleibt für die Lebenshilfe auch heute eine wichtige Aufgabe.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die bedrückende Lage geistig behinderter Menschen in Ostdeutschland sichtbar. Dort lebten um 1990 rund 6000–9000 von ihnen in psychiatrischen Krankenhäusern. Mit dem von ihr initiierten „Magdeburger Appell“ (1993) sowie Empfehlungen zum Wohnen (1996) und zur Enthospitalisierung (1998) setzte sich die Lebenshilfe in vorderster Reihe für Reformen ein.
 

Mit der Enthospitalisierung rückten auch Menschen mit geistiger Behinderung ins Blickfeld, die eine besonders individuelle Hilfe brauchen: behinderte Menschen mit zusätzlichen auffälligen Verhaltensweisen, mit psychischen Problemen, in Krisen oder schwierigen Lebensphasen, mit zusätzlichen Behinderungen oder Erkrankungen.
 

Die Verantwortung der Lebenshilfe, für jeden behinderten Menschen in ihrer Region einen Wohnplatz, eventuell besondere Wohnplätze, eine Tagesbetreuung, oder Beratung und Krisenintervention anzubieten, wächst.

Bitte lesen Sie dazu auch "Psychiatriereform", 

einen Beitrag von Dr. Christian Bradl (pdf - 18.4 KB) ,

Dr. Christian Bradl ist Dipl.-Pädagoge, Abteilungsleiter im Heilpädagogischen Heim Düren.


 
© 2008 - 2013 Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de