Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Die ersten Lebenshilfe-Einrichtungen

Erste Lebenshilfe-Einrichtungen
Ein Hemd zuknöpfen, Schnürsenkel einfädeln, eine Schleife binden – diese Handgriffe wollen gelernt sein. Die Lebenshilfe konzentrierte sich von Anfang an auf die praktische Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung in eigenen Kindergärten, Tageseinrichtungen und Schulen.

Ende der 1950er-Jahre gab es praktisch keine schulische Erziehung für behinderte Kinder. Sie waren ausgeschlossen, weil der Bildungsbegriff sich auf das Erlernen von Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen bezog.

Bereits in ihrem ersten Rahmenprogramm 1959 hatte die Lebenshilfe gefordert, für geistig behinderte Kinder eigene schulische Einrichtungen zu schaffen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, veröffentlichte sie 1960 eine
 
Denkschrift über die Bildungsfähigkeit von Menschen mit geistiger Behinderung (pdf - 155.3 KB)

Für sie bedeutete „bildungsfähig“ auch, im motorischen und lebenspraktischen Bereich in seiner Selbstständigkeit unterstützt zu werden. Menschen mit geistiger Behinderung sollten nicht mehr nur verwahrt und versorgt, sondern gezielt gefördert werden. Dies konnte jedoch nicht in den staatlichen Regeleinrichtungen geschehen − das wäre nicht durchsetzbar gewesen. Dazu bedurfte es eigener Angebote . Die Lebenshilfe begab sich wenige Jahre nach ihrer Gründung auf ein völlig neues Arbeitsfeld.

Die private Tagesbildungsstätte war die erste Neugründung auf dem Weg zu einer öffentlichen Bildungseinrichtung. Die Zahl der Tageseinrichtungen verzehnfachte sich von 50 am Anfang bis auf 510 am Ende des Jahrzehnts. Die Pädagogen versuchten, nach Möglichkeit der Persönlichkeit des geistig behinderten Kindes gerecht zu werden, indem sie auf seine individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten eingingen.

Um die Gleichstellung geistig behinderter Kinder mit ihren Altersgenossen in ihrem Grundrecht auf Bildung zu betonen, wurden neben den Tagesbildungsstätten in den 1960er-Jahren zunehmend unabhängige Schulen für geistig Behinderte eingerichtet. Neu entstand das Fach „Geistigbehindertenpädagogik“. Die Lehrkräfte sollten im Unterricht besser auf die besonderen Lernmöglichkeiten dieser Schüler eingehen.

Zwischen 1965 und 1968 erarbeitete die Lebenshilfe erste „Empfehlungen zur Ordnung von Erziehung und Unterricht an Sonderschulen für geistig Behinderte“. Sie bildeten die Grundlage für die Einrichtung und Ausgestaltung dieser Schulform in der Bundesrepublik Deutschland. Bis Ende der 1960er-Jahre gab es in allen westdeutschen Bundesländern auch für Kinder mit geistiger Behinderung die Schulpflicht (in den ostdeutschen Bundesländern wurde sie erst 1990 eingeführt). Die meisten Sonderschulen waren in staatlicher Hand.

Aufgrund der positiven Erfahrungen aus den Schulen wagte die Lebenshilfe den nächsten Schritt und begann, Kinder mit geistiger Behinderung bereits im Vorschulalter zu fördern. Es entstanden die ersten Sonderkindergärten, in denen vor allem die stark ausgeprägten rhythmischen und musikalischen Fähigkeiten der Kinder weiterentwickelt wurden.

Schnell zeigte sich, dass der regelmäßige Kindergartenbesuch Entwicklung und Befinden der Kinder stark verbesserte. Die Mütter fühlten sich durch den Sonderkindergarten nicht nur in ihrem Alltag entlastet, sondern wurden durch den Kontakt mit anderen Eltern und Fachkräften angeregt. Auch bei den Sonderkindergärten gab es eine rasante Entwicklung. Ihre Zahl stieg von 10 im Jahr 1962 auf rund 150 im Jahr 1970.
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Bildungsrecht

In der Öffentlichkeit wurde Bildung mit Lesen, Schreiben und Rechnen gleichgesetzt. Dem stellte die Lebenshilfe die "lebenspraktische Bildbarkeit" entgegen: Das emotionale Begreifen (Prof. Dr. Hans Thomae) von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung steht im Mittelpunkt.
Dieses Bildungsanrecht konnte nur durch die Einführung der Schulpflicht für sie erreicht werden. Gegen heftigen Widerstand wurde sie in den 1960er-Jahren durchgesetzt.
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Bitte lesen Sie  dazu auch "Zur Geschichte der Beschulung von Kindern mit geistiger Behinderung", 

einen  Beitrag von Prof. Dr. Heinz Mühl (pdf - 16.6 KB) ,

Prof. Dr. Heinz Mühl ist emeritierter Professor der Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik,
 
und  "Zur Geschichte des Kindergartens", 

einen Beitrag von Christoph Hublow (pdf - 14.3 KB)  ,

Christoph Hublow ist ehemaliger Direktor einer Sonderschule und langjähriges Mitglied des Pädagogischen Ausschusses der Lebenshilfe.
 
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