Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Von Goddelau nach Marburg

Goddelau
In Goddelau hatte der Niederländer Tom Mutters als Verbindungsoffizier der Vereinten Nationen für Kriegsverschleppte (Displaced Persons) 1952 die Betreuung von rund 50 Flüchtlingskindern mit geistiger Behinderung im Philipps-Hospital übernommen. Unter ihnen waren auch jüdische Mädchen und Jungen, deren Eltern nach ihrer Befreiung aus Konzentrationslagern emigriert waren. Sie hatten ihre Kinder zurücklassen müssen.

In Goddelau herrschten schwierigste Verhältnisse. Tom Mutters bot sich ein jämmerliches Bild: Kinder in Holzbettchen, zum Teil mit festgebundenen Händen, die in einem nach Exkrementen riechenden Raum an die Decke starrten und vor sich hin vegetierten. Mutters war erschüttert und beschloss, die schlimmen Zustände zu verbessern.

Es fehlte vollends an pädagogischen und sozialen Voraussetzungen für eine angemessene Förderung der Kinder. Doch Mutters, der von ihren Entwicklungsmöglichkeiten überzeugt war, gab die Jungen und Mädchen nicht verloren. In aller Welt informierte er sich über die Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung und organisierte Spendenaktionen. Mit Spielen, Kutschfahrten und anderen Abwechslungen brachte er ein bisschen Freude in das Leben der Kinder von Goddelau.  

„In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben die behinderten Kinder der Anstalt Goddelau mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten.“
Tom Mutters
 
Durch Artikel in deutschen Zeitschriften und Presseberichte über Goddelau wurden auch Eltern behinderter Kinder auf die Einrichtung aufmerksam. In Briefen baten sie um Mithilfe für ihre Söhne und Töchter. Eine der engagierten Personen war Luise Mittermaier aus Bad Homburg, Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom. Per Zeitungsinserat suchte sie Kontakt zu anderen Müttern in ähnlicher Situation. Dem Zeitgefühl des Versteckens und Verschweigens von Behinderten entsprechend, erhielt sie nur eine Antwort, von Maria Grete Schütz aus Rodenkirchen. Beide gehörten 1958 zu den Gründungsmitgliedern der Lebenshilfe. Die Korrespondenzen einzelner Eltern und der Austausch von Fachleuten auch über Erfahrungen im Ausland führten zu ersten Kontakten.

Den entscheidenden Impuls zur Gründung der Lebenshilfe legte im Frühjahr 1958 ein Artikel in der Zeitschrift „Unsere Jugend“. Darin beschrieb Tom Mutters „Das geistig behinderte Kind in der heutigen Gesellschaft“. Mutters Erfahrungsberichte aus England, den Niederlanden und den USA beeindruckten den Bonner Amtsgerichtsrat Bert Heinen, Vater eines behinderten Kindes, so sehr, dass er mit dem Autor Kontakt aufnahm. Fachleute wie die Professoren Stutte, Villinger und Mittermaier waren ebenfalls interessiert. Mittermaier fasste zehn Jahre später die ersten Verbindungen in das Bild zusammen, dass „viele Rinnsale sich zu Bächen und Flüssen vereinigen, um dann in einem breiten Strom dahinzufließen.“

Was hat also die Gründung der Lebenshilfe entscheidend beeinflusst?
  • Es waren betroffene Eltern, die sich für die Arbeit zur Verfügung stellten, ohne genau zu wissen, was auf sie zukam.
  • Es waren engagierte Fachleute, die wie die Eltern die Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung verbessern wollten.
  • Und es war nicht zuletzt die unermüdliche Arbeit von Tom Mutters, der seine Lebensaufgabe gefunden hatte.
 
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