Die Lebenshilfe - Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.
 

Menschen mit geistiger Behinderung nach 1945

Warum gerade ich?
 Noch lange nach Kriegsende spukten die Begriffe aus der NS-Zeit noch in den Köpfen vieler Bürger. Nicht wenige Deutsche hielten die Praxis der „Euthanasie“ weiterhin für richtig. Von „Vollidioten“ war die Rede; solche Kinder solle man am besten in Heime stecken, rieten Ärzte und Hebammen.
 
Aus Angst, Schuldgefühlen und Scham hielten die Eltern ihre Kinder mit geistiger Behinderung, die vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet worden waren, oft verborgen.  

„Warum gerade ich?“, fragten sich viele Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung immer wieder. Besonders Verzweifelte dachten sogar daran, ihr Kind zu töten, einige taten es. Vorurteile, Intoleranz und offene Ablehnung durch eine unwissende Gesellschaft verurteilten geistig behinderte Kinder und ihre Eltern zu einem Dasein im Abseits.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lag auch die Behindertenhilfe in Deutschland darnieder. In den ersten Nachkriegsjahren hatten die meisten Menschen zunächst andere Probleme zu lösen: ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu finden, nach vermissten Familienangehörigen und Freunden zu suchen und den nächsten Winter zu überleben.

Die Sorge für Menschen mit geistiger Behinderung blieb den Familien überlassen. Neben der Unterbringung in kirchlichen Einrichtungen gab es nur wenig. Fiel die Familie aus, landeten Menschen mit geistiger Behinderung in psychiatrischen Anstalten, Altenheimen oder Großeinrichtungen, wo sie nur verwahrt wurden.

Bereits seit Mitte der 1950er-Jahre hatten sich die Bedingungen allmählich verändert. Das „Wirtschaftswunder“ löste die meisten ökonomischen Versorgungsprobleme, mit wachsender zeitlicher Distanz zur NS-Zeit erweiterte sich auch der pädagogisch-wissenschaftliche Horizont. Mit den steigenden Geburtenzahlen in der Bundesrepublik Deutschland kamen auch wieder mehr Kinder mit geistiger Behinderung zur Welt, für die gesorgt werden musste.

Bitte lesen Sie dazu auch "Rahmenbedingungen der Behindertenhilfe im Nachkriegsdeutschland (1945-1958)", einen

Beitrag von Roland Böhm (pdf - 8.3 KB), Leitung des Lebenshilfe-Verlags Marburg 
 
Was viele Bürgerinnen und Bürger dachten
  • „Es gibt keine geistig Behinderten, sondern nur Schwachsinnige und Krüppel. Diese gehören nicht hochgepäppelt und auf unser aller Kosten großgezogen, sondern gleich nach der Geburt schnell und schmerzlos eingeschläfert.“ (Fotoreporter)
  • „Aus solchen Idioten können auch Sie als Pädagoge keine Professoren machen.“ (Direktor einer Heil- und Pflegeanstalt zu Tom Mutters)
  • „Die Euthanasie besteht vollkommen zu Recht. Es wird höchste Zeit, dass man wieder verkrüppelt zur Welt kommende Kinder einschläfert, umbringt, wie man es einst getan hat, weil man unnütze Esser nicht dulden durfte.“ (Zuschrift auf einen Spendenbrief)
 
Was Eltern und Angehörige empfanden
  • „Niemand hilft uns, niemand kümmert sich um uns. Wir wissen nicht mehr. Was soll aus uns werden? Was können wir bloß tun?“ (Brief einer Mutter aus Süddeutschland)
  • „Unser Sohn … konnte dann aber zu Hause nicht mehr gefördert werden, so dass wir ihn, wenn auch schweren Herzens, in eine Schwachsinnigen-Bildungsanstalt gaben, die 160 km von uns entfernt lag“. (Bert Heinen, Gründungsmitglied der Lebenshilfe)
  • „Wir müssen alles in die Hände der Ärzte legen, die das sicher besser beurteilen können, besser als wir.“ (Zuschrift einer verzweifelten Mutter)
 
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